“I stich nur zu, wann es mein Ansehen erfordert!” – Peter Altenbergs Prosaskizze “Der Messerheld”

Der österreichische Schriftsteller Peter Altenberg sinniert in der locker gefügten Prosaskizze Der Messerheld über das Bedürfnis der „Volksseele“ nach romantisch-verwegenen Helden.

Ein betrunkener Proletarier zückt ein Taschenmesser und droht zuzustechen. In Peter Altenbergs eigentümlicher Diktion liest sich das so: „Bei irgend einer Gelegenheit hat ein leicht irritierbarer, alkoholisierter, also überimpressionabler, im übrigen gut und solide gebauter Mensch aus den Sphären, die nicht ‚bedenken‘, sondern sich ‚betätigen‘ infolge überschüssiger Lebensenergien, sein Taschenmesser gezogen und zu stechen gedroht – –“.

Ganz gleich, ob der Vorfall einer Zeitungsmeldung entnommen, selbst erlebt oder schlicht erfunden ist, Peter Altenberg nimmt ihn zum Anlass, über das Verlangen der (Wiener?) „Volksseele“ nach Helden nachzudenken: „Die latente Romantik, die in der Volksseele schlummert, erwacht, erschafft sich von selbst ihren Nibelungenhelden! Einen, der zusticht – –. Nun heißt er Karl B., der Gefürchtete, der Gemiedene, der Gesuchte! Einer, der anders ist als die anderen!“

Fortan wird der Messerheld von Männern gefürchtet und von Frauen begehrt, und er selbst lernt sehr schnell, wie er seine neue Rolle zu spielen hat: „I stich nur zu, wann es mein Ansehen erfordert! Daß sie es wissen, i bin noch der Karl B.!“ Einmal zur kollektiven Projektionsfläche geworden, ist er Held und Opfer zugleich: „Messerhelden, wie seid ihr die unschuldigen Opfer der Volkesseele, die ‚Helden‘ braucht einfach für die Romantik ihres Herzens! Ein Lamperl wäre er an Gutmütigkeit – – – aber die Volkesseele braucht einen Messerhelden, der zusticht – – –.“

Altenbergs Text schließt mit einem Imperativ an das Taschenmesser: „Nun also, Taschenmesser in der linken Hosentasche, öffne deine Klinge, wenn die ‚Volkesseele‘ es erfordert – – –! Messerhelden, ausübende Organe seid ihr einfach des romantischen Willens der Volkesseele! Gutmütig wäret ihr wie Lamperln, aber man zwingt euch zu ‚Heldenrollen‘!“

Verschärft man Altenbergs launig-rhapsodische Gedanken ins Abgründig-Sexualpathologische, landet man bei Musils Frauenmörder Moosbrugger. – Bleibt noch die Frage: War Peter Altenberg Linkshänder?

2017-08-13T22:04:06+00:00 21.10.2013|Kulturgeschichte|

Über den Autor:

Stefan Schmalhaus studierte Germanistik, Politikwissenschaft und Philosophie in Münster. Er schreibt regelmäßig für die Zeitschrift "Messer Magazin" und ist Autor des Buchs "Gentleman-Taschenmesser". Darüber hinaus betreibt er seit vielen Jahren einen YouTube-Kanal rund um edle Schneidwerkzeuge.

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