Die Geburt der Feinmechanik aus dem Geiste der Propaganda: Luxus-Taschenmesser zu Ehren Napoleons

Das seinerzeit viel gelesene Journal London und Paris berichtet im Jahr 1803 von luxuriösen Taschenmessern, die ein Pariser Messerschmied zu Ehren Napoleons anfertigt.

Die von Friedrich Justin Bertuch verlegte Zeitschrift London und Paris verbreitete ab 1798 im sechswöchigen Rhythmus Korrespondenznachrichten aus den „zwey Hauptquellen“ Europas. Diese Doppelperspektive vermittelte dem gebildeten Publikum in Deutschland ein anschauliches Bild vom politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Leben in England und Frankreich, wozu vor allem auch die Reproduktionen englischer und französischer Kupferstiche und Karikaturen beitrugen.

1803 berichtet die Zeitschrift (unter Berufung auf das französische Journal de Paris) über ein feinmechanisches Kuriosum, das ein patriotischer Pariser Messerschmied seiner Kundschaft anbietet:

Der Messerschmidt [sic!] Barriol […] verfertigt und verkauft in kostbarer eingelegter Arbeit eine neue Art Einlegemesser, unter dem Namen couteau du premier Consul. Es stellt auf dem reich eingelegten Griff zweimal Bonaparte zu Fuß im Consular-Costum vor. Auf der einen Seite hält Bonaparte eine Papierrolle, wie die Römischen Consuls und Staatsmänner auf alten (restaurirten?) Statuen in der Hand, und dies deutet emblematisch auf die Gesetze, durch welche er das Heil des Staats gewirkt hat. Darunter steht in goldenen Buchstaben: Au Sauveur de la France, dem Heilande Frankreichs! Auf der andern Seite zeigt sich der große Mann als Friedensstifter. Um dies noch mehr zu versinnlichen, ist eine Springfeder angebracht, bei deren leisen Druck aus dem Herzen Bonapartes ein Oelzweig hervorschießt. Oeffnet man das Messer, so erblickt man in kunstreicher Damascenerarbeit eine Taube, die in ihrem Schnabel den Glücksstern trägt und auf das Haupt des im Griff angebrachten Consuls steilt [sic!], mit der Legende: au merite recompensé, dem belohnten Verdienst.

London und Paris, Bd. 12, 1803

Als Kontrast zu diesem panegyrischen Taschenmesser aus Paris reproduziert die Zeitschrift eine Napoleon-Karikatur des berühmten englischen Künstlers James Gillray, die den französischen Konsul als tollgewordenes fliegendes Schwert darstellt.

The Flying Sword Run Mad

Vorliegende Caricatur stellt nun auch ein Messer anderer Art in einer sehr imposanten Stellung auf, und wer Augen hat zu sehn, wird die Vergleichungspuncte zwischen Barriols emblematischen Einschlagemessern und Gilray’s rasendem Flügelschwert gar leicht zu entdecken wissen. Freilich ist hier nichts vom Friedensstifter Europas und vom Deutungsvollen Oelzweig,

unter dessen fetten Schatten,
Fried‘ und Völkerglück sich gatten,

selbst mit aller möglichen mikroscopischen und telescopischen Anstrengung zu erspähen. […] Man sehe diesen klassischen Säbel mit den zwei Cherubs- oder Greifenflügeln, er erhebt sich eben mit einer gewaltigen Selbstständigkeit und Schwungkraft mitten aus einem Chaos von umgestürzten Thronstühlen, zerschellten Weltkugeln, gedemüthigten Generalshüthen, niedergedonnerten Schreibtischen und Dintenfässern und einer Anzahl von politischen Pamphlets, Zeitungsblättern und Invasionsplanen.

London und Paris, Bd. 12, 1803

2017-08-13T23:00:20+00:00 21.11.2013|Kulturgeschichte|

Über den Autor:

Stefan Schmalhaus studierte Germanistik, Politikwissenschaft und Philosophie in Münster. Er schreibt regelmäßig für die Zeitschrift "Messer Magazin" und ist Autor des Buchs "Gentleman-Taschenmesser". Darüber hinaus betreibt er seit vielen Jahren einen YouTube-Kanal rund um edle Schneidwerkzeuge.

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