Seemannsgarn auf Schwäbisch: Wielands „Baurengans“

Der schwäbische Dialektausdruck „Baurengans“ (oder auch „Bauerngans“) für ein Taschenmesser ist literarisch nur spärlich belegt. Wielands Journal Der Teutsche Merkur von 1776 überliefert das Wort in einer hübschen Seemannsgarngeschichte.

Christoph Martin Wieland wuchs im Schwäbischen auf, der regionale Ausdruck „Baurengans“ war ihm deshalb geläufig, Das Wort lässt sich in schwäbischen Mundartwörterbüchern nachweisen. So ist etwa in Johann Christoph Schmids Versuch eines schwäbischen Idiotikon von 1795 zu lesen: „Baurengans eine, schlechtes Taschenmesser mit hölzernem Griffe.“ Schmid kennt auch die literarische Fundstelle: „Wieland hat sich […] dieses seines Landsmanns noch erinnert.“ Jahre später taucht der Eintrag in dem wesentlich umfangreicheren Schwäbischen Wörterbuch desselben Verfassers noch einmal auf, abermals mit dem Hinweis auf Wieland. Auch die Schriftenreihe Neueste Länder- und Völkerkunde vermerkt 1812 in einem Band über „Baiern und Würtemberg“: „Baurengans, ein schlechtes Taschenmesser“. Und auch das Grimmsche Wörterbuch hat den mundartlichen Ausdruck mit Bezug auf Schmid und Wieland in seinen Bestand aufgenommen.

Nun aber zu der Seemannsgarngeschichte, die in Wielands Prosaaufsatz Prolog zur Geschichte Herrn Bonifacius Schleicher enthalten ist. Da sich Wieland durchaus bewusst war, dass das Wort „Baurengans“ in den anderen Teilen Deutschlands einer Erläuterung bedurfte, versah er es vorsichtshalber mit einer Fußnote: „Name einer Art von Taschenmesser mit hölzerne[m] Griff“.

Erinnern sie sich noch […] des magern lungensüchtigen Schlossers Jacob, den man gemeiniglich nur den Gadriga hieß? […] Dieser alte Gadriga hatte in seinen jungen Jahren lange gewandert, und war in Frankreich, und in Holland, und sogar in England gewesen; wie er dann würklich ein so guter Schlosser war, als wir keinen wieder gehabt haben, seitdem wir alle unsre Bürgerssöhne, so bald sie sich die Nase am [Ä]rmel schneuzen können, dispensando ins Heyrathen pfuschen lassen. Aber wieder auf den alten Gadriga zu kommen, so pflegte der, wenn er an Sonn- und Feyertagen Abends mit andern Bürgern bey einem Krug Bier im Wirthshause saß, gemeiniglich von seiner Wanderschaft zu erzählen: und wie er in Colmar, und zu Cölln und in Middelburg, und in Delft und Rotterdam gearbeitet, und sich da in frischem Hering und Lachs und Austern dick gefressen, und Englisch Bier dazu getrunken, und wie er in einem großen Boot nach Harwich in England überfahren wollen, und wie das Boot mit allen darauf befindlichen Personen in einem schrecklichen Sturm jämmerlich zu Grunde gegangen. Zu gutem Glücke, fuhr dann Gadriga fort, wurd‘ ich, just da ich vor Mattigkeit nicht einen Augenblick länger hätte schwimmen können, von einem ungeheuergroßen Wallfisch verschluckt. Soll mich dieser und jener, wenn nicht unsre große Pfarrkirche mit samt dem Thurm und den Neben-Capellen in seinem Bauch Platz gehabt hätte. Ich wollt‘ ihn Schritt vor Schritt ausgemessen haben, wenn ich vor den vielen Mastbäumen und Kabeltauen, die er im Leibe hatte, hätte fortkommen können. Nun stellt euch einmal vor, Brüder, sagt‘ er, wie einem ehrlichen Christenmenschen so mutterseelallein in so einem Sarrazenischen Wallfischbauch zu muth seyn muß! Wasser hatt‘ ich da genug für mein Lebenlang; aber der Henker hätte trinken mögen; es war lauter Salz, Pech, Schwefel und Colofonium! Ich hatte wohl noch ein Endchen Knaster und einen Fingerhut voll Brandtwein in der Ficke [= Tasche]; aber das reichte nicht weit, wie ihr seht; und mich hungerte wie sechshundert Wölfe. Da war guter Rath theuer, nicht wahr? Möcht wohl sehen, was so Bursche wie ihr da hättet anfangen wollen, wenn ihr so in einem Gewölbe von Wallfischrippen, jede dicker als ein eichner Zimmerbalken, gesteckt hättet! Aber, Potz herrich, wozu hälf einem ehrlichen Kerl auch der Verstand, wenn einem in solchen Umständen nichts einfiele? Der Wallfisch hatte eine Leber, wohl so groß wie fünf oder sechs von den größten Elsaßer Mastschweinen, die ihr in euerm Leben gesehen habt. ‚S war eine schöne frische Leber, mein Seel! das Wasser lief mir ins Maul, wenn ich sie ansah. Ha, denk‘ ich, wer da eine gute Schüssel voll Leberklößc von dieser Wallfischleber hätte! Ihr hättet ihm Stücke Centnerweis wegschneiden können, ohne daß ers gewahr worden wäre. Zu gutem Glück find ich eine Baurengans in meincm Hosensacke! Ein Maltersack voll Ducaten und Doublonen hätte mich nicht so gefreut. – In diesem Ton erzählte nun Gadriga fort, wie er Feuer in des Wallfisches Bauch angemacht, und sich Leberklöße dabey gekocht hätte, besser als er sie je in seinem Leben gegessen; und auf jede (boshaft zweifelnde, oder noch boshafter glaubige) Frage, die seine Zuhörer an ihn thaten, wo er dies und das dazu hergenommen, und wie es ihm weiter im Wallfischbauch ergangen, und wie er den Weg wieder herausgefunden, hatte er eine Antwort in Bereitschaft; und wenn ihm dann die ältern Bürger ins Gesicht lachten, schwur er Himmel und Hölle zusammen, daß alles Punkt für Punkt so wahr wäre wie Amen.

Christoph Martin Wieland, Der Teutsche Merkur vom Jahr 1776

2017-08-13T23:04:04+00:00 21.11.2013|Kulturgeschichte|

Über den Autor:

Stefan Schmalhaus studierte Germanistik, Politikwissenschaft und Philosophie in Münster. Er schreibt regelmäßig für die Zeitschrift "Messer Magazin" und ist Autor des Buchs "Gentleman-Taschenmesser". Darüber hinaus betreibt er seit vielen Jahren einen YouTube-Kanal rund um edle Schneidwerkzeuge.

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