Fichtes reines Ich: „ein zusammenfallendes und in sich zurückgehendes Ding, ungefähr wie ein Einlegemesser“

In einer der dialogischen Lehrstunden der Schrift Sonnenklarer Bericht an das grössere Publicum über das eigentliche Wesen der neuesten Philosophie entspinnt sich ein unfreiwillig komisches Zwiegespräch zwischen dem Autor und dem imaginierten Leser über das Wesen des reinen Ichs.

Johann Gottlieb Fichtes Abhandlung aus dem Jahr 1801, die eine populäre Darstellung seiner Wissenschaftslehre anstrebt, trägt den brachialen Untertitel Ein Versuch, die Leser zum Verstehen zu zwingen. Um jedoch kein Risiko einzugehen, übernimmt Fichte kurzerhand den Part des Lesers selbst und gestaltet sechs sogenannte Lehrstunden, die jeweils einen fiktiven Dialog zwischen dem Autor („D. A.“) und dem Leser („D. L.“) enthalten. Streckenweise lesen sich Fichtes Lehrstunden wie eine transzendentalphilosophische Parodie der Dialoge Platons. In der dritten Lehrstunde lässt Fichte den Leser zu einem polemisch-bildhaften Vergleich mit einem Taschenmesser greifen. Wir springen mitten ins Gespräch:

D. A. […] Und so findest du denn in diesem Zusammenfallen das Ich, im Gegensatze des Objects, in dessen Denken Denkendes und Gedachtes dir auseinanderfällt; sonach den wesentlichen Charakter des Ich; jenes berüchtigte reine Ich, an welchem sich die derzeitigen Philosophen seit Jahren die Köpfe zerbrochen, es noch immer für eine psychologische, – schreibe psychologische Täuschung erklären, und es unendlich spasshaft gefunden haben.

D. L. Sie mögen wohl geglaubt haben, dass so ein reines Ich, ein zusammenfallendes und in sich zurückgehendes Ding, ungefähr wie ein Einlegemesser, ursprünglich im Gemüthe, so wie das Waffel-Eisen der Formen bei den Kantianern, vorgefunden werden sollte; haben eifrig nach diesem Einlegemesser gesucht, und keins gefunden, und schliessen nun, dass diejenigen, die es gesehen haben wollen, sich getäuscht haben.

D. A. Es kann wohl seyn. – Wie fandest du denn dieses Zusammenfallen?

D. L. Indem ich mich selbst dachte.

D. A. Denken wohl andere Leute sich selbst auch?

D. L. Falls sie nicht reden, ohne zu denken, ohne Zweifel; denn sie reden Alle von sich selbst.

D. A. Verfahren sie wohl bei diesem Denken ihrer selbst ebenso, wie du dabei verfährst?

D. L. Ich glaube ja.

D. A. Können sie wohl auch dieses ihr Verfahren beobachten, wie du soeben das deinige beobachtet hast?

D. L. Ich zweifle nicht daran.

D. A. Und wenn sie dieses denn im Sichselbstdenken thun, so werden sie jenes Zusammenfallen gleichfalls finden; wenn sie es aber nicht thun, so werden sie es nicht finden: dies ist unsere Meinung. Es ist hier nicht von dem Funde eines schon Fertigen, sondern von dem Funde eines durch ein freies Denken erst zu Erzeugenden die Rede. Die Wissenschaftslehre ist nicht Psychologie, welche letztere selbst nichts ist.

Johann Gottlieb Fichte, Sonnenklarer Bericht an das grössere Publicum über das eigentliche Wesen der neuesten Philosophie

2017-08-13T21:21:04+00:00 21.01.2014|Kulturgeschichte|

Über den Autor:

Stefan Schmalhaus studierte Germanistik, Politikwissenschaft und Philosophie in Münster. Er schreibt regelmäßig für die Zeitschrift "Messer Magazin" und ist Autor des Buchs "Gentleman-Taschenmesser". Darüber hinaus betreibt er seit vielen Jahren einen YouTube-Kanal rund um edle Schneidwerkzeuge.

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