Freudscher Versprecher: Tassenmescher

Die saloppe Redewendung „zusammenklappen wie ein Taschenmesser“ war einst sehr gebräuchlich und konnte zweierlei bedeuten: eine tiefe Verbeugung machen oder ohnmächtig zu Boden fallen.

In seiner Schrift Zur Psychopathologie des Alltagslebens berichtet Freud von einer Patientin, die einen klassischen Freudschen Versprecher produziert:

„Ich klappe zusammen wie ein Tassenmescher – Taschenmesser“, sagt eine Patientin zu Beginn der Stunde, die Laute vertauschend, wobei ihr wieder die Artikulationsschwierigkeit („Wiener Weiber Wäscherinnen waschen weiße Wäsche – Fischflosse“ und ähnliche Prüfworte) zur Entschuldigung dienen kann. Auf den Sprechfehler aufmerksam gemacht, erwidert sie prompt: „Ja, das ist nur, weil Sie heute ‚Ernscht‘ gesagt haben.“ Ich hatte sie wirklich mit der Rede empfangen: „Heute wird es also Ernst“ (weil es die letzte Stunde vor dem Urlaub werden sollte) und hatte das „Ernst“ scherzhaft zu „Ernscht“ verbreitert. Im Laufe der Stunde verspricht sie sich immer wieder von neuem, und ich merke endlich, daß sie mich nicht bloß imitiert, sondern daß sie einen besonderen Grund hat, im Unbewußten bei dem Worte Ernst als Namen zu verweilen.

Sigmund Freud, Zur Psychopathologie des Alltagslebens

2017-08-13T21:07:38+00:00 21.04.2014|Kulturgeschichte|

Über den Autor:

Stefan Schmalhaus studierte Germanistik, Politikwissenschaft und Philosophie in Münster. Er schreibt regelmäßig für die Zeitschrift "Messer Magazin" und ist Autor des Buchs "Gentleman-Taschenmesser". Darüber hinaus betreibt er seit vielen Jahren einen YouTube-Kanal rund um edle Schneidwerkzeuge.

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