Das mit den vielen Fehlern: Marcus Fingers Buch über Laguiole-Messer

Das Buch Laguiole-Taschenmesser … die mit der Biene! von Marcus Finger ist Mitte 2014 ohne ISBN im Selbstverlag erschienen. Der Autor betreibt den Onlineshop www.original-laguiole.de, den nach eigener Aussage „größten Onlineshop weltweit für Laguiole-Taschenmesser“. Das Buch richtet sich, so der Autor im Vorwort, an die „Laguiole-Messer-Liebhaber“.

Das 112 Seiten schmale Buch ist in zwei Teile gegliedert: Auf den ersten 54 Seiten schildert Marcus Finger in einer Art Reisetagebuch seine Begegnungen mit den Inhabern der Manufakturen Honoré Durand, Forge de Laguiole, Laguiole en Aubrac und Claude Dozorme. En passant flicht der Autor die Historie des Laguiole-Messers ein, erklärt die verschiedenen Arbeitsschritte bei der Herstellung der berühmten Messer und erläutert die Unterschiede zwischen den Betrieben. Zahlreiche Fotos begleiten den Text.

Die gewählte Darstellungsform des Buchs ist durchaus charmant, da ein Reisebericht eine subjektive Perspektive erlaubt, die bei einem herkömmlichen Sachbuch verpönt wäre. Dem ersten Teil ist auch anzumerken, dass er mit viel Herzblut geschrieben wurde. Allerdings wirkt die Lockerheit des Stils oft sehr bemüht – da helfen auch die vielen eingestreuten Emoticons nicht, die in einem Buch ohnehin nichts zu suchen haben. Auch der leitmotivisch wiederholte Hinweis, dass der Autor der „ängstlichste Beifahrer der Welt“ sei, hat nach der zweiten Erwähnung seinen Unterhaltungswert eingebüßt.

Noch ärgerlicher sind die zahlreichen Schnitzer in Grammatik, Orthografie und Interpunktion – ein typisches Phänomen bei in Eigenregie publizierten Büchern, die in der Regel nicht professionell lektoriert werden. Dass sich Marcus Finger auf der Rückseite des Buchs selber als „erfahrene[n] Autor“ bezeichnet, kann man angesichts der hohen Fehlerquote nur als Selbstüberschätzung werten. Das Spektrum reicht von Tipp- und Schreibfehlern (z. B. S. 7: „18. Jahrhundert“ statt 19. Jahrhundert, S. 100: „Wachholder“ statt Wacholder) über die häufige Verwechslung des Artikels „das“ mit der Konjunktion „dass“ bis hin zu falschen grammatischen Konstruktionen wie auf Seite 41: „Trotzdem wir am nächsten Morgen […] zurück mussten, verabredeten wir uns […] für einen neuen Anlauf.“ Große Unsicherheit herrscht nicht nur bei der Kommasetzung, sondern auch beim grammatischen Geschlecht der Region Aubrac. Meistens wird das Hochplateau als „die Aubrac“ bezeichnet, doch gelegentlich heißt es auch „Wunderschönes Aubrac“ (S. 41) oder „Walachei des Aubracs“ (S. 35).

Leider präsentiert der Autor auch eine unbelegte Vermutung zur Geschichte des Messers wie ein gesichertes Faktum: An der These, dass das Laguiole-Messer vom spanischen Navaja inspiriert wurde, muss spätestens seit Christian Lemassons Standardwerk zum Laguiole-Messer stark gezweifelt werden. Am interessantesten ist das Buch dort, wo Marcus Finger treuherzig aus dem Nähkästchen plaudert und berichtet, welche Vorschriften die Forge de Laguiole Händlern macht, die die Produkte der Manufaktur ins Sortiment aufnehmen wollen.

Der zweite Teil des Buchs ist angelegt als Nachschlagewerk zu den verschiedenen Griffmaterialien, die für Laguiole-Messer verwendet werden. Hier hat Marcus Finger allerlei (Wikipedia-)Informationen aus Botanik und Zoologie zusammengetragen, ohne jedoch das Textmaterial durchzuformen. So finden sich zu manchen Griffmaterialien nur stichpunktartige Hinweise, während andere mit ausführlichen Beschreibungen versehen sind. Doch leider fehlen oftmals die wirklich wichtigen Angaben. So erfährt der Leser zwar, dass Warzenschweine „ungefähr 18 Jahre alt“ werden und die Weibchen jährlich „1 bis 4 Junge zur Welt“ bringen (S. 102), aber nicht, welcher Körperteil eigentlich für die Griffschalen verwendet wird (Hauer oder Knochen?). Darüber hinaus sind die Fotos in diesem Teil des Buchs oft viel zu dunkel, als dass man die Charakteristika der Materialien erkennen könnte.

Die auf der Website des Autors veröffentlichten „Leserstimmen zum Buch“ sind wahre Lobeshymnen, die sich nur aufgrund der Tatsache erklären lassen, dass es bislang kein deutschsprachiges Buch zu diesem Thema gab. Der Autor sollte das Buch formal und inhaltlich überarbeiten und als PDF-Download zur Verfügung stellen, denn 19,90 EUR ist das Büchlein im Vergleich zu anderen professionellen Publikationen nicht wert. Bei dieser Gelegenheit könnte Marcus Finger auch gleich die jüngsten Entwicklungen wie den Eigentümerwechsel bei der Forge de Laguiole oder das abschließende Gerichtsurteil über die Nutzungsrechte an dem Namen „Laguiole“ in die Darstellung einarbeiten.

2017-08-13T22:51:49+00:00 18.11.2014|Buchbesprechungen|

Über den Autor:

Stefan Schmalhaus studierte Germanistik, Politikwissenschaft und Philosophie in Münster. Er schreibt regelmäßig für die Zeitschrift "Messer Magazin" und ist Autor des Buchs "Gentleman-Taschenmesser". Darüber hinaus betreibt er seit vielen Jahren einen YouTube-Kanal rund um edle Schneidwerkzeuge.

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