Faszination Springmesser: „Art of the Switchblade“ von Neal Punchard und Dan Fuller

Traditionelle Springmesser üben seit jeher eine besondere Faszination aus, weil sie oft kleine Wunderwerke technischer Ingeniosität darstellen. Das englischsprachige Buch Art of the Switchblade von Neal Punchard und Dan Fuller dokumentiert die Entwicklung von Springmessern in Europa und in den USA von den Anfängen im frühen 19. Jahrhundert bis in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg.

Das Buch gliedert sich in eine konzis geschriebene Einleitung und fünf Kapitel, die den Springmesser-Nationen England, Frankreich, Deutschland, Italien und USA gewidmet sind. Obwohl es Hinweise auf die Existenz von Springmessern bereits im 18. Jahrhundert gibt, stammt das erste überlieferte und datierbare Exemplar aus den 1830er-Jahren und wurde in England gefertigt. Zahlreiche Tüftler des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ersannen Mechanismen, die dafür sorgen, dass die Klinge mit Federunterstützung aus dem Griff katapultiert wird. Als Auslöser dienen dabei allerlei Varianten von Knöpfen, Schiebern, Hebeln und Drückern. Auch der Druck auf eine zweite Federmesserklinge löst bei einigen Modellen den Auswurf der Hauptklinge aus, bei anderen sind es verschiebbare Backen oder die Hebel eines Patronenausziehers. Der Erfindungsreichtum ist beeindruckend.

Die Autoren zeigen sehr schön auf, welche nationalen Besonderheiten es in der Entwicklung der Springmesser gab. Während etwa in den meisten Ländern ein in den Griff eingelassener runder oder ovaler Knopf als Auslöser bevorzugt wurde, erfreute sich in Solingen der als Lever-Lock bekannte Mechanismus besonderer Beliebtheit, für den ein außem am Griff angebrachter umlegbarer Hebel charakteristisch ist. Wird der Hebel nach unten gedrückt, wird auf diese Weise ein die Klinge blockierender Bolzen angehoben, und eine im Inneren des Griffs montierte Auswurffeder schleudert die Klinge seitlich aus dem Griff. Viele renommierte Solinger Hersteller verwendeten diesen Mechanismus. Heute werden diese als „Springer“ bezeichneten Taschenmesser vor allem von der Solinger Traditionsfirma Hubertus hergestellt. Das Unternehmen im Besitz der Familie Ritter verfügt mit Henning Ritter über einen ausgewiesenen Experten, der das Deutschland-Kapitel zu dem Buch beigesteuert hat. Auch für die Kapitel über Italien und die USA haben sich Punchard und Fuller fachkundige Unterstützung von versierten Koautoren geholt.

Das hochwertig ausgestattete Buch überzeugt nicht nur durch den historischen Faktenreichtum, der hier in gut lesbarer Form ausgebreitet wird, sondern auch durch die beeindruckenden Fotos von seltenen Springmessern aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert, die für dieses Buch aus verschiedenen Sammlungen zusammengetragen wurden. Abbildungen aus alten Patentschriften, Musterbüchern und Katalogen runden die gelungene Darstellung ab. Als das Buch 2012 erschien, wurde es zu Recht von der Midwest Independent Publishers Association als bestes „Coffee Table Book“ und mit dem ersten Preis für das Layout ausgezeichnet.

Das Buch ist nicht nur eine Lektüreempfehlung für die Liebhaber von Springmessern, sondern für alle Messerfreunde, die an der Geschichte von Taschenmessern interessiert sind.

Neal Punchard, Dan Fuller: Art of the Switchblade. The World’s Concourse Examples, 160 Seiten, Format 29 x 24 cm, Hardcover, USD 64,95 (ISBN 978-0-615-60333-9)

2017-08-13T20:12:33+00:00 11.12.2014|Buchbesprechungen|

Über den Autor:

Stefan Schmalhaus studierte Germanistik, Politikwissenschaft und Philosophie in Münster. Er schreibt regelmäßig für die Zeitschrift "Messer Magazin" und ist Autor des Buchs "Gentleman-Taschenmesser". Darüber hinaus betreibt er seit vielen Jahren einen YouTube-Kanal rund um edle Schneidwerkzeuge.

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