Taschenmesser liegen schwer im Magen

Allotriophagie, auch Pica-Syndrom genannt, ist die krankhafte Begierde, ungewöhnliche und ungenießbare Dinge zu essen. Ein Handbuch der medicinischen Klinik aus dem Jahr 1834 referiert den haarsträubenden Fall eines Taschenmesserschluckers.

Der Autor, ein Professor der Medizin, will zeigen, „wie viel nach solchen unglücklichen Zufällen, oder frevelhaften Spielereien, der Magen zu ertragen im Stande ist, obwohl der endliche Ausgang natürlich in der Regel ein unglücklicher zu seyn pflegt.“

Marcet erzählt die Geschichte eines, dem Trunke sehr ergebenen amerikanischen Matrosen, welcher damit begann, im Rausche 4 eingeschlagene Taschenmesser zu verschlucken. Am nächsten Morgen erfolgte ein gewöhnlicher Stuhlgang; am Nachmittage ging mit einer neuen Darmausleerung 1 Messer wieder ab; Tags darauf entleerte der Matrose zugleich 2 Messer; seiner Versicherung nach blieb das vierte immer bei ihm, verursachte aber nicht die geringste Beschwerde. Etwa nach 6 Jahren verschluckte derselbe Mensch an einem Abend 6, am nächstfolgenden Morgen 8 Einschlagemesser. Magenschmerzen, von anhaltendem Erbrechen begleitet, waren die Folge davon; indessen sollen in dem Zeitraume von 4 Wochen alle Messer wieder abgegangen seyn. Wieder nach 8 Monaten wurden 5, am folgenden Morgen noch 9 Einschlagemesser verschlungen, von denen einige sehr groß waren. Der Allotriophag wurde jetzt ernstlich unwohl und litt 3 Monate lang auf sehr verschiedene Weise. Nach dem reichlichen Genusse von Oel soll derselbe versichert haben, den Uebergang der Messer aus dem Magen in die Gedärme gefühlt zu haben. Von dieser Zeit an wurde der Zustand erträglicher; hin und wieder wurden Messerfragmente, theils durch Erbrechen, theils durch den Stuhlgang ausgeleert; die Darmexcretionen waren durch eine sehr schwarze Farbe ausgezeichnet. Bald verschlimmerten sich wieder alle Symptome, die man vergeblich durch den Gebrauch von verdünnten Säuren, in Verbindung mit Schleim und Opium, zu mildern bemüht war. Nach unsäglichen Leiden, und völlig abgezehrt, starb der Patient 3 1/2 Jahre nach dem letzten Versuche. Bei der Section fand man die inneren Wandungen der Unterleibshöhle und das ganze Abdominalsystem von einer schwarzen Eisenfarbe gefärbt. Im Magen, dessen Schleimhaut eben so gefärbt war, lagen über 30 Fragmente von Klingen, Federn und Stielen; nur eine dieser Klingen zeigte sich sehr verkleinert und zerfressen; die Runzeln der Schleimhaut waren bedeutend entwickelt und an den Rändern mit granulirten Erhöhungen versehen; der Pyrolus bot nichts Abnormes dar, obwohl die rechte Seite des Magens und das Duodenum sehr verdickt waren. Eine Messerklinge von 4 1/2 Zoll Länge hatte das Colon, der linken Niere gegenüber, gänzlich durchbohrt und ragte in die Unterleibshöhle hinein; eine andere, den Mastdarm in der Qneerlage perforirende Klinge, war mit der Spitze in die Beckenmuskeln eingedrungen. Von der auf Eisen geprüften Galle gaben 150 Gran 0,5 Eisen, welches, abgedunstet, durch den Magnet sich anziehen ließ.

Moritz Ernst Adolph Naumann, Handbuch der medicinischen Klinik

2017-08-13T20:37:21+00:00 05.08.2014|Kulturgeschichte|

Über den Autor:

Stefan Schmalhaus studierte Germanistik, Politikwissenschaft und Philosophie in Münster. Er schreibt regelmäßig für die Zeitschrift "Messer Magazin" und ist Autor des Buchs "Gentleman-Taschenmesser". Darüber hinaus betreibt er seit vielen Jahren einen YouTube-Kanal rund um edle Schneidwerkzeuge.

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